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Von der Hölle zum Olymp
Der israelische Autor Solly Ganor beschreibt in seinem Buch „Aufleben 1945" seine Erlebnisse im Nachkriegsmünchen

„Gauting ist für mich keine fremde Stadt", sagt der israelische Autor Solly Ganor - hier mit seiner Übersetzerin Sabine Zaplin in der Buchhandlung Kirchheim in Gauting. Foto: Fuchs
„Gauting ist für mich keine fremde Stadt", sagt der israelische Autor Solly Ganor - 
hier mit seiner Übersetzerin Sabine Zaplin in der Buchhandlung Kirchheim in Gauting. Foto: Fuchs


Gauting • Bis Waakirchen wird er getrieben und bewacht von Nazi-Schergen mit Hunden. Als er am nächsten Morgen im Schnee liegend in dem kleinen oberbayerischen Dorf erwacht, ist es still. Keine gewohnten Geräusche, keine Schreie und kein Hundegebell. Stattdessen kommt ein amerikanischer Soldat japanischer Herkunft. Und mit ihm beginnt an diesem 2. Mai 1945 für den aus Kaunas (Litauen) stammenden Solly Ganor der Weg zurück ins Leben - in sein zweites, obwohl er erst 17 Jahr alt ist.
An dieser Stelle endet Ganors erstes Buch „Das andere Leben - Kindheit im Holocaust", das 1997 in Deutschland erschien, und es beginnt sein zweiter Roman „Aufleben 1945", den die Gautinger Autorin Sabine Zaplin übersetzt hat und den er am Mittwoch in der Buchhandlung Kirchheim in Gauting vorstellte.
Ganor beschreibt darin drei Jahre in seinem zweiten Leben - dem Leben als amerikanischer Soldat, als Dolmetscher und als Angehöriger des Screening-Teams der Amerikaner, dessen Aufgabe es ist, unter den ehemaligen KZ-Häftlingen in den DP-Lagern untergetauchte SS-Leute, Nazis und Kollaborateure aufzuspüren. Sein großer Vorteil ist: Er spricht nicht nur deutsch, sondern neben russisch, litauisch und jiddisch auch englisch. Für den nicht einmal 20-Jährigen beginnt eine Zeit voll unaufhörlicher Aktivität. „Von der Hölle zum Olymp" sei er aufgestiegen, sagt er rückblickend.
Ganor zieht nach München, erlebt den Alltag der Deutschen in der zerbombten Stadt, die Rationierung von Lebensmitteln und Wohnraum. „Ich erlebte eine fassungslose Generation", schreibt er, „der ein tausendjähriges Reich versprochen worden war und die in Scham und Schande wieder erwachte." Jetzt ist es Ganor, der Jude, der dreimal am Tag eine warme Mahlzeit von den Amerikanern bekommt, und die Deutschen essen dünne „Dachau-Suppe". Auf der Straße wird er angesprochen, woher er Dachau kenne. „Ich habe in Dachau promoviert", antwortet der junge Mann prompt und lässt den Fragenden ein wenig ratlos zurück.
Solly Ganor hat sich trotz des Leids, das er im litauischen Getto, im Konzentrationslager und während der Zwangsarbeit bei Utting erdulden musste, seinen Humor bewahrt. Und vor allem seine Offenheit für andere Menschen - egal woher sie stammen. „Wissen Sie, ich bin einfach Optimist", sagt der 82-Jährige leichthin zu seinen Zuhörern, auch wenn er, wie er sagt, „ein rastloses Leben geführt hat", so, als ob Dämonen ihn getrieben haben. Die Dämonen der Shoah.
„Aufleben" ist ein Buch mit Sogkraft. Ganor gelingt es nicht nur, seine persönliche Geschichte zu einer dramatischen Zeitreise durch das Nachkriegsmünchen zu verdichten. Sein literarischer Text überzeugt auch durch Ehrlichkeit ohne den Hauch von Bitternis. Am heutigen Freitag liest Ganor um 19 Uhr noch einmal in der Villa Waldberta in Feldafing.
Solly Ganor, „Aufleben 1945", P. Kirchheim Verlag, 2010.
Von Sabine Bader/SZ

 

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