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Mystik der Großküche
Autor Ralf Rothmann liest aus seinem Werk
„Hitze"
Gauting • Da sagt
die Besucherin der Lesung, sie verstehe da manches nicht: obwohl es ihr
sehr gefalle, sei so einiges unklar im Buch für sie, und der
Schriftsteller ist kurzzeitig sprachlos. Für den Herrn in der zweiten
Reihe dagegen ist alles klar verständlich, visuell, sinnlich und in starker Sprache verfasst. So geschehen am
Mittwochabend in der Gautinger Buchhandlung Kirchheim. Der
Berliner Schriftsteller Ralf Rothmann hat aus seinem gerade erschienenen
Roman „Hitze" gelesen und für eine anschließende lebhafte und
kontroverse Diskussion bei ausgesprochen guter Stimmung gesorgt.
Gleich stellt Rothmann klar, dass
derjenige, „der bedient werden will" bei der Lektüre, wohl
Schwierigkeiten mit seinem Buch haben werde. Auch sei für jene besonders
die Figur des Simon DeLoo wohl eher unbefriedigend. Das Lesen wird zu
einem schöpferischen Prozess, ist seine Feststellung und Aufforderung
zugleich. Das Bild der Hauptperson DeLoo gestaltet sich denn auch
vornehmlich durch sein Wirken auf andere, sprechen tut er im Roman nicht.
„Hitze" ist ein Großstadtroman, der einige Jahre nach der Wende in
Berlin spielt. Simon DeLoo, ein ehemaliger Kameramann, ist Hilfskoch in
einer Kreuzberger Großküche und durch den Tod seiner Lebensgefährtin
zerrissen. Er fährt Essen aus und trifft Lucilla, eine junge obdachlose
Polin, die er mit Kleidung seiner früheren Frau versorgt und in die er
sich verliebt. Sie will nach Polen, in die Heimat, und DeLoo kommt mit. In
dem Kapitel „Das ganze Leben", für Rothmann das wichtigste, kommen
sich die beiden näher. Die flirrende, glühende Hitze dieses Sommers in
der pommerschen Heimat, ist geradezu spürbar und war titelgebend. Lucille
verschwindet, DeLoo kehrt nach Berlin zurück. Nicht verzweifelt, auch
nicht hoffend. Einfach so.
Das Buch ist grundiert von einer gewissen Trauer, vom Verlust und erzählt
nicht nur eine melancholische Liebesgeschichte, sondern beschreibt eben
auch derb, vulgär und komisch das triste Milieu des Berliner
Arbeiteralltags in der miefigen Großküche. Sprücheklopfende Kumpels
erscheinen neben poetischen Landschaftsbeschreibungen. Sätze wie
„Heiliger Bimbam. Da friert einem ja der Schniepel ab" stehen neben
Sinnfragen „Warum muss man eigentlich immer etwas erreichen im Leben.
Nicht einfach nur Leben". Es ist keine linear erzählte Geschichte:
Rothmann hat bewusst ausgelassen und Schnitte gesetzt. Doch wäre er verblüfft,
gäbe es dadurch für den Leser Unklarheiten. Denn bricht er die Handlung
einer Episode ab, geht sie,, unterirdisch" weiter.
Er wollte mit der Lesung einen Eindruck von Sprache und Atmosphäre im
Buch vermitteln, das ist ihm eindeutig gelungen. Aber er hat auch ein Bild
des Schriftstellers Rothmann gegeben, der nicht nur mehr der
„Ruhrpott-Autor" sein will und der versucht ein Konzept zu
vermeiden. Denn solange man nicht weiß, wie es weitergeht, „bleibt der
Schwung erhalten".
NICOLA SEIPP/SZ
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Rothmann liest aus
seinem neu erschienen Buch „Hitze": In seinen Erzählungen will er
bewusst ein Konzept vermeiden.
Foto: Treybal |